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Sind unsere Schüler nur Versuchskaninchen?

Da mein momentaner Wohnsitz im Ländle liegt, nehme ich einen Teil der dortigen Debatte zum Anlass, ein paar Zeilen über einen Gedanken zu verlieren, der schon länger in meinem Kopf schwirrt. Kurz für Außenstehende: in Baden-Württemberg wurde die Gemeinschaftsschule eingeführt – quasi DIE pädagogische Chance, das überholte dreigliedrige System stellenweise auszuschalten und alle Kinder auf eine Schule zu schicken, wo sie individuell gefördert werden.

Der Aufschrei war und ist entsprechend groß: Wie kann man hochbegabte Kinder (gerne die eigenen) mit den “Schmuddelkindern” (entsprechend die anderen) zusammen auf eine Schule schicken? Da muss die Leistung doch leiden! Über kurz oder lang folgt die Phrase, dass Kinder doch keine Versuchskaninchen seien und man doch bitte keine weiteren Schulreformen anstoßen solle.

Dazu vielleicht mal kurz ein paar Gedanken – und direkt vorweg der Clou:  ALLE Schüler waren IMMER Versuchskaninchen. Jede Lehrkraft hat doch im Unterricht mal was Neues ausprobiert und sei es das neue Englischbuch oder statt Videorekorder mal der DVD-Player. Schulversuche hat es also auf kleiner Ebene immer gegeben – und wird es immer geben und das ist auch gut so! Wir wollen doch, dass Schulen lernende Organisationen sind.

Gleichzeitig ist der Vergleich von Schülern mit Versuchstieren schlichtweg falsch. Versuchstiere werden eigens für die Forschung gezüchtet. Welche Eltern bekommen Kinder, nur damit diese in die Schule gehen? Zudem werden viele Versuchstiere nach den Experimenten getötet… ABER Versuchtstiere bringen uns Forschungsergebnisse und tragen somit zur Verbesserung verschiedener Bereiche (überwiegend Medizin und Pharmazie) und zu Erkenntnissgewinn bei. Dabei müssen die forschenden Einrichtungen strenge Auflagen erfüllen und viele ethische Aspekte berücksichtigen, auf gut Deutsch: Den Versuchstieren soll kein unnötiges Leid zugefügt werden.

Mir ist also lieber, dass Kinder Versuchskaninchen sind als das, was ich teilweise im Schulleben empfinde: Masttiere! Zusammengepfercht werden ihnen die (Lern-)Brocken hingeschmissen und es heißt “Friss oder stirb” – “Lern oder bleib sitzen” - überspitzt formuliert! Und dies ist bitte nicht als Vorwurf an die Lehrer zu verstehen, die in diesem System auch nur funktionieren können/müssen. Es ist – nach wie vor – die gesellschaftliche Debatte, wie wir die nachfolgenden Generationen auf das wahre Leben vorbereiten. Dabei ist mir wohler, wenn wir hier und da etwas Neues ausprobieren/versuchen anstatt noch mehr träge Informationen in die Köpfe (oder die Kehle runter) stopfen zu wollen.

Lernlust statt Schulfrust

Und es gibt sie doch! Schulen, an denen Schülerinnen und Schüler die pädagogischen Utopien erfüllen, selbständig, motiviert, persönlichkeitsbildend und inhaltsbezogen zu lernen – und dabei Lehrpersonen keine Ein-Mann-Show vorne abziehen müssen, sondern in der Tat Lernbegleiter sind, Tutoren, Coaches, also Ansprechpartner, wenn man selbst nicht weiter weiß. Eine grandiose Vorstellung bietet die Roadshow ”Lernlust statt Schulfrust”, die momentan durch Deutschland fährt. Wer sich von den Berichten der Schülerinnen und Schülern, der Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum Margret Rasfeld und dem Hirnforscher Gerald Hüther nicht mitreißen lässt, hat die anstehenden Veränderungsprozesse im Bildungswesen nicht verstanden. Wir brauchen eine andere, eine neue Schule, die unsere Kinder mit den Kompetenzen ausstattet, die sie in der (unbestimmten und unbestimmbaren) Zukunft handlungsfähig macht! Machen wir uns auf den Weg.

In eigener Sache…

Es ist in letzter Zeit etwas ruhiger hier geworden. Das heißt weder, dass ich das Interesse an meinem eigenen Blog oder dem Thema verloren habe – ganz im Gegenteil! Ich habe in den letzten Wochen so viele Eindrücke aus Gesprächen, Veranstaltungen, Websites und Artikeln zu verarbeiten gehabt (die jeweils mindestens einen eigenen Blog-Artikel wert gewesen wären), dass ich schlicht nicht dazu gekommen bin, auch nur kurz zu bloggen. Zudem hat sich bei mir privat massiv etwas verändert und auch solche Sachen brauchen Zeit und erfordern Kraft. Ich habe mir aber das Ziel gesetzt, die oben genannten Eindrücke zumindest teilweise sukzessive hier zu veröffentlichen. Bis dahin danke ich für Geduld und Verständnis.

Impressionen von der EAPRIL-Konferenz 2012

Die jährliche Konferenz der European Association for Practitioner Research on Improving Learning (EAPRIL) fand dieses Jahr vom 28.11.-30.11. in Jyväskylä, Finland statt.

Den Keynote-Auftakt machte dabei Pasi Sahlberg (sein Twitter-Account: https://twitter.com/pasi_sahlberg) mit einem grandiosen Vortrag darüber, was das Besondere an Finland ist. Für alle, die es nicht wissen: Das finnische Bildungssystem gehört zu den besten der Welt und Pasi Sahlberg hat maßgeblich dazu beigetragen. Es war unglaublich inspirierend und gleichzeitig augenöffnend, dass eine radikale Verbesserung unseres Schul-/Bildungssystems nicht möglich ist – einfach weil es keinen gemeinsamen Willen gibt, es zu ändern. Und da sich das politische System ebenfalls den Marktmechanismen untergeordnet hat, d.h. es wird versucht, den Medianwähler zufrieden zu stellen (weil man damit die meisten Bürger zufrieden stellt) – nicht, um die Rahmenbedingungen zu verbessern, sondern um den Machterhalt sicher zu stellen. But I digress…

Auf der EAPRIL-Konferenz kann man durch die Internationalität der Teilnehmer sehen, wie viele unterschiedliche Wege zum Lernerfolg führen und wie kreativ einzelne Initiativen sein können, z. B. bei dem Gewinner des Best Research & Project Awards, Luc Nijn von der Universität Ghent. Ich habe  diesen Strom an Ideen einfach nur mal in der Masse wahrgenommen und festgestellt, dass wir in Deutschland mehr Mut haben sollten, an vielen Stellen mehr Freiheit zu wagen und dem Individuum mehr zuzutrauen. Bildungsplaner – ob administrativ, inhaltlich-gestalterisch oder ausführend – tendieren dazu, den Lernenden alles abnehmen oder vorschreiben zu wollen. Das ist nicht mal böse Absicht, sondern es sind “Empfehlungen” dessen, der schon weiter ist, damit die Lernenden nicht die gleichen Fehler machen, damit sie noch schneller, besser, höher, weiter, ergo effizienter durch die Ausbildungswege geschleust werden. Da bleibt kein Raum für individuelle Erfahrung und Entfaltung. Aber ich schweife erneut ab…

Es war jedenfalls eine sehr interessante, stimulierene und inspirierende Konferenz und ich kann jeder und jedem, der Interesse an Lernen und Entwicklung hat, nur wärmstens empfehlen, zur nächsten EAPRIL-Konferenz nach Biel/Bienne in die Schweiz zu kommen.

 

 

Lerntheoretisches Teil II

Ganz genau wissen wir immer noch nicht, wie Lernen funktioniert. Aber ich vermute, dass jeder das Gefühl bzw. den Gedanken schon mal hatte “Das kenn ich doch schon” oder “Das kommt mir bekannt vor”. Nach Jean Piaget, der “Vater”  des Kognitivismus, vollzieht sich Lernen entweder dadurch, dass man neue Inhalte dem bestehenden Wissensnetz hinzufügt (Assimilation) oder dass man sein Wissensnetz an die äußere Welt anpasst (Akkomodation).  Das kann man sich so vorstellen: ein (kleines) Kind kennt den Schäferhund von nebenan, sieht beim Spazieren gehen mit den Eltern einen Collie und kann auf Grund der Ähnlichkeiten diesen in das Schema ‘Hunde’ einordnen (Assimilation). Sie gehen weiter und das Kind sieht auf der Weide ein Pferd, was so gar nicht ins Hundeschema passen will und somit in eine neue Kategorie – mit Hilfe der Eltern, dass es sich um ein Pferd handelt – aufgenommen (Akkomodation). Gerade in jungen Jahren verlaufen diese Prozesse in ständigem Wechsel – und können dabei auch gut für Verwirrung sorgen, wenn ein Objekt ‘falsch’ abgelegt wird oder – wie man in Computerumgebungen sagen könnte – mehrere Tags bekommt (Schäferhund ist in ‘Hunde’, ‘Säugetiere’, ‘Wolfsähnliche’, ‘Haustiere’ etc.).

Als Lehrkraft muss ich mir dessen bewusst sein, dass es diese beiden Prozesse gibt, die in einer Wechselbeziehung stehen und dass man weder den einen noch den anderen überstrapazieren sollte. Also ist es zum Einen sinnvoll, wiederkehrende Muster aufzuzeigen – gerade auch in der Mathematik, um darauf hinzuweisen, dass selbst bei komplexen Konstrukten (vermutlich denken viele jetzt an die oft bemühten und kontrovers diskutierten Kurvendiskussionen) viele bekannte Rechenarten und Denkschemata angewandt werden können. Zum Anderen kann man darauf achten, immer wieder neue Impulse zu geben, die durch die bestehenden Muster nicht abgebildet werden (auch hier wieder die Kurvendiskussion), um eine Erweiterung herbeizuführen.

 

Lob der Langsamkeit

Es gibt viele Aufhänger für diesen Artikel. Sei es die Bologna-Reform an den Unis (die in einigen Fächern und an einigen Unis nicht so recht funktioniert), sei es die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf G8 (was in einigen Bundesländern schon wieder kassiert wird) oder die beschleunigte Arbeitswelt durch die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten in Kombination mit der Globalisierung und dem Zwang, wettbewerbsfähig zu sein und zu bleiben.

Tatsächlich ist der Anlass aber ein anderer. Ich habe in dieser Woche mit einigen Freunden und Kollegen gesprochen und habe so oft die Wörter “Hektik” und “Stress” gehört oder aber selbst gebraucht, dass ich mich gefragt habe, ob das wohl alles so richtig ist und so sein muss.

Hier ein paar ungeordnete Gedanken:

- nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen formen sich die neuronalen Bahnen nach Benutzung – also ein wenig wie beim Muskelaufbau. Was m. E. bedeutet, dass wir eben nicht in der direkten Auseinandersetzung mit dem Stoff lernen, sondern in der “Ruhephase” danach (so wie der Muskel auch nur in der Ruhezeit wächst). Das würde evtl. auch erklären, warum einige gute Ideen in Mußezeiten entstanden sind.

- ich kann mich leider nicht erinnern, wo ich es gelesen habe, aber ein Professor schrieb vor einiger Zeit, dass er vor lauter Schreiben gar nicht mehr zum Lesen kommt. Ich leite daraus ab (und generalisiere dabei), dass in vielen Berufen gar nicht mehr gedacht, sondern nur noch gemacht wird. Das ist bei Routine-Abläufen oder sog. “Best-Practice”-Aufgaben nicht unbedingt ein Problem, sobald es allerdings etwas komplizierter und komplexer wird (was unsere Welt durch die Globalisierung ja anscheinend auch wird), sollten wir hier und da innehalten und unser Handeln reflektieren.

Zählen wir die beiden Aspekte zusammen, heißt das: Wir brauchen Zeit, um die Theorien und Handlungsmuster zu lernen UND wir brauchen Zeit, um unser Handeln und unser Erleben generell zu reflektieren, aber auch zu antizipieren.

In der Schule wird diese Debatte gerne darüber geführt, dass Lehrkräfte durch den Frontalunterricht “mehr Stoff durchkriegen”, heißt: Wissensballast abwerfen können und somit den Lehrplan erfüllen können. Damit erliegen sie dem Lehr-Lern-Kurzschluss.

Ich denke, wir sollten den Druck verändern. Und ich sage bewusst “ändern” und nicht “nehmen”, da der Druck eine gewisse Wertschätzung innehat. Der Druck für Lehrkräfte sollte nicht sein, “den Stoff durchzukriegen” – sonst könnten wir einfach alles einmal auf Video aufnehmen und die Kids das glotzen lassen – sondern, dass alle Schüler einen Mindeststandard gelernt haben. Der Druck für Schüler sollte nicht sein, gute Noten zu sammeln, sondern Wissen und Kompetenzen zu lernen, die für ein zufriedenes Leben (in der Gesellschaft) wichtig sind – und das kann intrasubjektiv sehr unterschiedlich sein.

“In der Ruhe liegt die Kraft” sagt ein altes Sprichwort – und ich denke, es stimmt. Es gibt sicherlich gute Gründe, warum Schüler schnell mit super Noten auf den Arbeitsmarkt strömen – und sicherlich gibt es auch Schüler, die dem gewachsen sind und die es wollen. Aber es gibt mindestens genauso gute Gründe, dass wir uns für Bildung (und nicht nur dafür) Zeit nehmen (s. Heterogenität).

Heterogenität und Binnendifferenzierung, Teil 1

Ich glaube/fürchte, dass dieses Thema ungemein polarisiert. Dabei kann ich mir vorstellen (bitte das Folgende als Hypothese lesen), dass Eltern extrem FÜR Binnendifferenzierung und Lehrer (in der Theorie auch dafür) aus dem Zweifel an der Umsetzbarkeit dagegen sein könnten.

Mal kurz vorab die Begriffsklärungen und der Aufhänger des Ganzen: Heterogenität bedeutet, allgemein gesprochen, die Wahrnehmung und Berücksichtigung sämtlicher Unterschiede der Individuen – sei es das Geschlecht, das Alter, der Bildungshintergrund, der Intelligenzquotient, eine vorhandene Behinderung, Religion, ethnischer Herkunft, persönlicher Stärken, Schwächen, Vorlieben und Abneigungen usw. usw. Die Binnendifferenzierung versucht, der Heterogenität gerecht zu werden, d. h. keinen (frontalen) Einheitsbrei für alle Schüler zu liefern, sondern die Lerninhalte auf jedes Individuum anzupassen.

Ein Grund für diesen Beitrag bzw. dafür, dass er jetzt geschrieben wird, ist der Leitartikel des SPIEGEL, der die Unterschiede zwischen Intraversion und Extraversion thematisiert (und dabei ein Lob der “Stillen” fordert, wie anhand von diversen Studien refreriert wird). Für mich ist die zentrale Passage, wo über die Entstehung der Apple Computer Company geschrieben wird: Steve Wozniak als intravertierter Denker tut sich mit der “Rampensau” Steve Jobs zusammen und gemeinsam gründen sie die Firma, die unlängst das wertvollste Unternehmen aller Zeiten wurde.

Blenden wir mal aus, dass Steve Jobs durch seine Art der weitaus bekanntere von den beiden war (und den anderen Steve angeblich über den Tisch gezogen hat), ist das für mich ein Lob auf die Heterogenität! Wir müssen nicht alle Schüler gleich bekommen und wir müssen erst recht nicht nur an den Schwächen arbeiten. Es ist ein hehres Bildungsideal, dass jeder Mensch umfassend gebildet die Schule verlassen soll – und ich bin stark dafür, dass man allen Menschen die Möglichkeit dazu gibt. Wir sollten aber auch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die von klein auf wissen, was sie können, was sie wollen und was eben nicht.

Was im Personalwesen langsam als Diversity Management thematisiert wird, zieht auch in Schulen ein – allerdings ohne eine vernünftige Handreichung und Vorbereitung, wie Lehrer in ihren Klassen binnendifferenziert arbeiten sollen. Und vermutlich kann man bei gut 25-30 Schülern einer Klasse nicht jedem Einzelnen gerecht werden. Man kann es aber versuchen. Ich stelle mir das – allgemein gesehen – so vor: Man kann die Schüler fragen, was sie gerne machen und was sie gut können. Man kann sie ebenso fragen, wie sie am liebsten lernen und arbeiten. Und man kann dabei so flexibel sein und akzeptieren, dass sich Interessen und Verhalten ändern können. Je nach Lerninhalt und Fach stelle ich dann meinen Unterricht zusammen: für einige Schüler in Kleingruppen, einige in Einzel-, andere in Partnerarbeit, den einen gebe ich Texte, die anderen lasse ich einen Film gucken und wieder andere sollen etwas Kreatives dazu entwerfen. Einige Phasen werden im Klassenverband durchgeführt, um den Austausch zu ermöglichen und um der Kontroll- und Korrekturfunktion nachzukommen.

 

Wertschätzung der Bildung

Ich hatte neulich eine interessante Unterhaltung über das Thema. Mein Gegenüber, Frau Dr. Schmidt-Peters, berichtete von Besuchen in den skandinavischen Ländern, wo die Schülerinnen und Schüler sich ganz ruhig vor dem Unterricht versammeln, wo sie in der Schule ihre Schuhe gegen bequeme Hausschuhe tauschen und wo sie ruhig und konzentriert zusammen arbeiten – an Tischen, wie sie in jedem Unternehmen für Arbeitsgruppen bereit gestellt werden.

Meine eigenen Erfahrungen bei einem Besuch einer Schule in Norwegen decken sich damit – die Schülerinnen und Schüler waren zwar hier und da auch mal etwas lauter und unaufmerksamer, aber im Großen und Ganzen deutlich leiser als das, was ich aus deutschen Klassen gewohnt bin/war.

Was hat das jetzt mit Wertschätzung von Bildung zu tun? Für mich stehen diese Beispiele dafür, dass die Menschen in den nordischen Regionen in der Tat erkannt haben, dass Bildung, Wissen und Kompetenzen DIE Erfolgsfaktoren für die globalisierte Welt sind. Selbst junge Menschen haben verinnerlicht, dass Schule nicht etwas ist, was sie über sich ergehen lassen müssen, sondern der Ort ist, wo sie viele nützliche (und lebenswichtige) Fähigkeiten erwerben können. So etwas geht aber nur, wenn es (in Anlehnung an den Beitrag Lerntheoretisches Teil 1) von Modellen vorgelebt wird. Diese Modelle sind nicht nur Eltern, Erzieher, Lehrer und Freunde, sondern auch die gesamte Gesellschaft. Mein Gefühl ist, dass wir in Deutschland immer wieder betonen, wie wichtig Bildung ist (und dabei aber weniger auf die Persönlichkeit und vielleicht auch mal das unbeschwerte ‘pursuit of happiness’ im schauen, sondern mit viel Angst darum kämpfen, ausbildungsfähig zu sein und einen gut bezahlten Job zu finden), aber diese Forderung lediglich eine hohle Phrase ist – bei gleichzeitiger Weiterreichung des Schwarzen Peters. Jeder andere ist für die Bildung unserer Kinder verantwortlich. NEIN! Nicht jeder ANDERE, sondern JEDER!

Bildung ist sowohl eine gesamtgesellschaftliche wie gleichzeitig auch eine hochindividuelle Angelegenheit. Wir können uns nur selbst bilden, aber wir können dafür Sorge tragen, dass auch andere die Möglichkeit bekommen, sich zu bilden. Wir sollten also die Lehrer von ihrer exklusiven Verpflichtung freisprechen, die Verantwortung für die Bildung von Schülerinnen und Schülern zu schultern und selbst mit anpacken!

Lerntheoretisches Teil 1

Nun ja, man kann auch in einer Schule in vielen Jahren nicht viel lernen – oder sagen wir mal, dass inhaltlich von den Fächern aufgrund des Lehr-Lern-Kurzschlusses (kurze Erklärung: Man geht als Lehrer davon aus, dass die Schüler alles wissen müssen, weil man es ja im Unterricht behandelt hat) nicht so viel wie erwünscht hängen bleibt.

The point is: Pädagogen und Psychologen sind viele Lerntheorien geläufig, aber oftmals werden sie getrennt voneinander betrachtet und unterrichtet. An dieser Stelle will ich einen kurzen Überblick der verschiednene Theorien geben und dafür plädieren, sie situationsangemessen zu verwenden.

Da wäre zunächst der Behaviorismus zu nennen. Diese Theorie geht davon aus, dass man Verhalten antrainieren kann, indem man bestimmte Reize miteinander koppelt (klassisches Konditionieren) oder auftretendes Verhalten direkt nach Auftreten durch Belohnung oder Bestrafung verstärkt (operantes Konditionieren). Hier liegt ein eher mechanisches Menschenbild zugrunde; kognitive Prozesse werden komplett ausgeblendet. Viele Menschen – wenn sie die Theorie das erste Mal kennen lernen – sind sowohl fasziniert von der Einfachheit, mit der sich Lernen erklären lässt als auch abgestoßen von der menschenverachtenden Sichtweise. Ich denke, man kann den Behaviorismus im Unterricht  einsetzen, indem man Schüler viel lobt, wenn sie sich melden/etwas richtig machen, damit sie sich wieder melden. Oder auch Rituale einführen (wie z. B. den “Schweigefuchs”), um im Classroom Management für eine gewisse Ruhe und/oder Ordnung zu sorgen; kurz: Um Regeln einzuhalten.

Daraus abgeleitet wurde von Albert Bandura das Modelllernen. Auch diese Theorie ist sehr intiutiv verständlich. Lernen vollzieht sich hier dadurch, dass sich der Lerner das Verhalten eines Modells (nicht notwendiger Weise eines Vorbilds) abguckt. Dabei reicht es aus, das Verhalten über Medien zu sehen (was gerade in Bezug auf Gewalt im Fernsehen als eher kritisch einzustufen ist. Je nach unmittelbarer Konsequenz des Verhaltens, kann es zu einer Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Nachahmung kommen (wenn das Modell “belohnt” wird) oder zu einer Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Nicht-Nachahmung kommen (wenn das Modell bestraft wird). Diese Lerntheorie greift insbesondere bei jüngeren Schülern. Generell bedeutet diese Theorie für die Anwendung in der Schule, dass Lehrer (aber nicht nur Lehrer) Modelle für Schüler sind und deswegen IMMER “in character” sein müssen, gerade was die Werteerziehung angeht. Außerdem muss auf Grund der Gleichbehandlung von Schülern darauf geachtet werden, wie und wie schnell Schüler für ihr Verhalten gelobt oder gerügt werden. Sicherlich ist eine nicht unerhebliche Schwierigkeit, dass auch Lehrer einige Schüler sympathischer finden als andere und sich Lehrer deswegen nicht allen Schülern gegenüber gleich verhalten KÖNNEN (wir sind schließlich alle nur Menschen…).

I have a dream…

 

Analog zu Martin Luther King jr.s berühmter Rede, träume ich davon, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie eine außerordentlich gute fachliche (Aus-) Bildung und eine werteorientierte Erziehung in Schulen erfahren.

Ich träume von

  • hellen, freundlichen Gebäuden
  • wertschätzendem Umgang der Schüler untereinander, der Schüler und Lehrer miteinander und innerhalb des Kollegiums (a.k.a. Teamwork)
  • fächerübergreifendem Unterricht (ich habe nie verstanden, wie man Fächer strikt voneinander trennen kann, wenn sie doch ganz klare Bezugspunkte haben)
  • Unterricht, der an der Lebenswelt und der Zukunft der Schüler orientier ist (Klafki lässt grüßen)
  • einer Aufhebung der Fächertaktung (45 Minuten sind einfach zu kurz)
  • semi-offenen Start- und Endzeitpunkte für Schüler und Lehrer, um den unterschiedlichen Biorhythmen gerechter zu werden
  • einer Vorbereitung und tiefergehende Information der Schüler auf das Berufsleben bei gleichzeitiger
  • Förderung der individuellen Stärken und der immanenten Bildung
  • einer Aufwertung und stärkerer Integration von Kunst und Kultur (bei gleichzeitiger Befreiung von Notengebung)
  • einer Notenbefreiung, aber Förderung des Sportunterrichts
  • generell einer späten Einführung von Noten und eine Erhöhung der Transparenz bei der Notengebung
  • der Inklusion von körperlich und geistig Benachteiligten Schülern
  • einer stärkeren Integration der Schule in die lokale Gemeinschaft (z. B. Wirtschaft, karitative und soziale Einrichtungen)

Mir ist dabei schon bewusst, dass die Liste der Forderungen – auch wenn sie nicht vollständig ist – nicht wirkich einfach umzusetzen ist. Ich kann auch schon den Einwand vorweg nehmen, dass es unbezahlbar ist – diese Idealvorstellung ist sicher nicht kostenneutral zu erreichen. Meine Antwort dazu ist:

  • man sollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Punkt, in dem sich alle Parteien einig sind (mehr Geld für Bildung), wirklich irgendwann umgesetzt wird UND dass das Geld nicht an den falschen Stellen versickert
  • (auch wenn es nur ein Punkt ist, der nicht explizit angesprochen wurde) der aktuelle Lehrermangel könnte durch den demographischen Wandel zu einer Verringerung der Klassengröße führen
  • eine Finanzierung ggf. auch von außen (z. B. Unternehmen) kommen könnte
  • dass man auch “im Kleinen” etwas verändern kann – wenn man will
  • dass es sich bei der Liste – wie gesagt – um Idealvorstellungen handelt, die nicht alle auf einmal umgesetzt werden müssen.

Nochmal Bezug nehmend auf die Überschrift, handelt es sich um meinen Traum von einer idealen Schule. Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, die die Liste so oder ähnlich unterschreiben würden. Und alle, die es tun, sind hiermit aufgerufen, etwas mitzugestalten. Wir können und dürfen die ganze Arbeit nicht den engagierten Lehrern überlassen, sondern sollten sie in ihrer Arbeit unterstützen (die in den letzten Jahren enorm zugenommen hat). Wir können und dürfen auch nicht warten, bis das System der Bildungspolitik endlich in Bewegung kommt und sein Versprechen umsetzt. Kurz: Ja, es geht darum, selbst etwas zu tun.

Um mit einem Zitat eines anderen farbigen Amerikaners zu enden: Yes, we can!

 

P.S.: In diesem und sicherlich den folgenden Artikeln verwende ich das generische Maskulinum, um die Lesbarkeit zu erhöhen. Selbstverständlich sind dabei aber alle Geschlechter gemeint.